Vierte internationale INTERPOL Konferenz

Menschenhandel ist traurige Realität. Auch die Schweiz ist davon betroffen. Angesichts der attraktiven Wirtschaftslage in unserem Land ist es für Kriminelle einfach, junge Frauen zu überreden, in die Schweiz zu reisen. Die Opfer sind mehrheitlich zwischen 17 und 25 Jahre alt. Die Kriminellen locken sie mit falschen Versprechen: eine bessere Zukunft, gute Lebensbedingungen, eine Arbeit, Ausbildung und die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen. Nachdem sie in der Schweiz angekommen sind, erwartet diese jungen Frauen jedoch eine andere Realität. 

Mehr Täterfestnahmen dank Opferidentifikation

Wie andere Länder ist auch die Schweiz vom Menschenhandel betroffen – in erster Linie als Ziel-, aber auch als Transitland. Die meisten der Opfer werden im Rotlichtmilieu sexuell ausgebeutet. Opfer von Menschhandel werden – wenngleich in geringerem Mass – auch als Arbeitskraft ausgebeutet, und zwar im Hauswirtschaftsbereich, in der Landwirtschaft und im Hotel- und Baugewerbe. Man geht davon aus, dass Menschenhandel auch bei Jugendkriminalität hineinspielt, etwa bei Taschendiebstahl und Bettelei.

Die Opfer von Menschenhandel, die in der Schweiz sexuell ausgebeutet werden, kommen grösstenteils aus osteuropäischen Staaten, vor allem aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Die Opfer stammen aber auch aus Brasilien, der Dominikanischen Republik, Thailand, Nigeria und Kamerun.

Da Menschenhandel ein grenzüberschreitendes Verbrechen ist, kommt der internationalen Polizeizusammenarbeit mit INTERPOL grösste Bedeutung zu – sei es über die offiziellen Informationskanäle des Nationalen Zentralbüros INTERPOL Bern oder über die Polizeiattachés.

Die aktuelle Zahl der Opfer von Menschenhandel in der Schweiz lässt sich nur schwer beziffern. Das Hauptproblem ist, Opfer als solche identifizieren zu können. Da sie Gewalt oder Konsequenzen fürchten, wagen sie es nicht, sich an die Polizei zu wenden und auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Oftmals haben potenzielle Opfer kein Vertrauen in die Schweizer Polizeibehörden. Für die Schweizer Behörden wie auch für Nichtregierungsorganisationen ist die Opferidentifikation entscheidend, damit Ermittlungen eingeleitet, die Täter festgenommen werden können und den Opfern zu ihrem Recht verholfen werden kann.

Zusammenarbeit mit INTERPOL und den Opferschutzorganisationen

INTERPOL ist für die Schweiz ein äusserst wichtiger Partner. Der Informationsaustausch und die internationale Zusammenarbeit sind von massgeblicher Bedeutung bei der Bekämpfung krimineller Netzwerke, und um die Täter in den Herkunftsländern zu identifizieren.

Dank der guten Zusammenarbeit zwischen INTERPOL und den Schweizer Behörden gelang es beispielsweise, ein kriminelles Netzwerk mit Verbindungen nach Thailand und zahlreiche Opfer zu identifizieren: Junge Frauen wurden in die Schweiz geschickt, um sie sexuell auszubeuten. Die Mitglieder dieses Netzwerks wurden gefasst und vor Gericht gestellt. Einige von ihnen sind bereits verurteilt worden, bei einigen anderen steht das Urteil noch aus. Thailand ist ein Mitgliedstaat von INTERPOL, was es möglich macht, auch mit der thailändischen Polizei vor Ort zusammenzuarbeiten. In solchen Angelegenheiten ist INTERPOL ein unverzichtbarer Partner, was den Informationsaustausch und das Aufklären von Fällen angeht.

Von ebenso grosser Bedeutung ist die Zusammenarbeit mit Opferschutzorganisationen. Die Aussagen von Opfern sind nämlich entscheidend für die Verurteilung der Täter. Ausserdem gilt es, die Folgeerscheinungen aus den Erlebnissen der Opfer so gut es geht zu verringern, indem ihnen der Schutz und die Unterstützung geboten wird, die sie brauchen. Oft sprechen die Opfer keine der Landessprachen. Sie sind verletzlich oder auch hoch verschuldet und halten sich illegal in der Schweiz auf. Potenzielle Opfer wegen illegalen Aufenthalts festzunehmen und zu inhaftieren – damit ist den Behörden nicht gedient, denn so können die Kriminellen, die diese Opfer ausbeuten, nicht identifiziert werden. Werden die Opfer hingegen einer Opferschutzorganisation zugeführt, die ihnen Sicherheit bietet, und wo sie Vertrauen fassen können, besteht die Möglichkeit, dass die Opfer sich bereit erklären, mit der Polizei zusammen zu arbeiten und womöglich auch gegen die Täter auszusagen.

fedpol agiert als Bindeglied

In Fällen von Menschenhandel sind die Kantone für die Ermittlungen zuständig. fedpol unterstützt sie dabei, indem die kantonalen und die internationalen Ermittlungen koordiniert werden. fedpol stellt zudem den Informationsaustausch mit INTERPOL und Europol sicher. Gemeinsam mit den Partnern in den Kantonen, beim Bund und bei den Nichtregierungsorganisationen entwickelt fedpol eine landesweite Strategie zur Bekämpfung des Menschenhandels. Diese Strategie wird in Form eines nationalen Aktionsplanes umgesetzt. fedpol gewährleistet auch die strategische Koordination und erfüllt die internationalen Verpflichtungen der Schweiz.

Der Bundesrat hat die Bekämpfung von Menschenhandel zu einer der kriminalstrategischen Prioritäten in der Legislaturperiode 2016–2019 erklärt. Eine Reihe von Projekten ist bereits im Gange, unter anderem eines über die Polizeizusammenarbeit zwischen der Schweiz und Rumänien. Ein solches Projekt ist auch mit Bulgarien in die Wege geleitet worden. Diese von Bundesrätin Simonetta Sommaruga lancierten Projekte sollen dazu beitragen, Fälle von Menschenhandel leichter aufzudecken, deren Opfer aus Rumänien oder Bulgarien stammen. Fachleute auf dem Gebiet der Strafverfolgung und Vertreterinnen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen aus Bulgarien haben beispielsweise eine Studienreise in die Schweiz unternommen. Für 2017 sind Aktionswochen geplant. Im fedpol-Jahresbericht 2015 finden sich weitere Informationen zu dem mit Rumänien umgesetzten Projekt.
 

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nach oben Letzte Änderung 18.10.2016