"Die Schweiz ist vorbereitet, falls etwas geschieht."

Schlagwörter: Terrorismus

Interviews, fedpol, 18.11.2015. Blick; Christof Vuille, Christoph Lenz

Blick: "Nicoletta della Valle, Chefin des Bundesamts für Polizei (fedpol), sieht die Schweiz nicht als Top-Ziel für Terroristen. Dennoch sei ein Anschlag hier möglich. Sie warnt davor, jeden Bartträger gleich als IS-Attentäter zu denunzieren."

Frau della Valle, was haben Sie am Freitagabend gemacht?
Nicoletta della Valle: Ich war in einer Pizzeria. Plötzlich vibrierte mein Handy wie wild. Auch mir war das Ausmass dessen, was sich in Paris ereignet hatte, zunächst nicht klar. Die Nachrichten wurden aber leider stetig schlimmer.

Was ist dann bei der Bundespolizei abgegangen?
Wir sind vorbereitet auf solche Situationen. Noch in der Nacht hatte ich Kontakt zu meinem Einsatzleiter. Wir haben beschlossen, zwei Polizisten zur Unterstützung der Schweizer Botschaft nach Paris zu entsenden. Früh am Samstagmorgen trafen wir uns mit allen Sicherheitsbehörden zu einem ersten Lagerapport. Da haben wir weitere Massnahmen beschlossen.

Hätten Sie ähnlich reagiert, wenn das Attentat in der Schweiz stattgefunden hätte?
Ja. Der Vorfall in Paris hat uns gezeigt: Die Schweiz ist vorbereitet für den Fall, dass etwas geschieht – so weit man für solche Ereignisse überhaupt bereit sein kann.

Gibt es etwas, das Sie an der Ausführung der Pariser Anschläge überrascht hat? Etwa die einfachen Waffen der Attentäter?
Es ist ein Trend, dass die Mittel der Terroristen immer einfacher werden. Damit wird die Vorbereitungszeit kürzer und die Ausführung des Anschlags günstiger. Das macht unsere Arbeit anspruchsvoller. Überrascht haben mich die Sprengstoffgürtel. Das gab es bisher in Europa nicht.

Wie schätzen Sie die Bedrohungslage der Schweiz ein?
Das Risiko ist seit einem Jahr in ganz Europa erhöht. Ein Anschlag ist auch in der Schweiz möglich. Aber da die Schweiz nicht Teil der Koalition gegen den IS ist, ist sie kein prioritäres Ziel. Zudem haben wir den Vorteil, dass es uns wirtschaftlich gut geht und das Bildungssystem hervorragend ist. Haben Jugendliche Perspektiven, sind sie weniger anfällig für Radikalisierung.

Wie gross ist die Gefahr, dass Terroristen als Flüchtlinge in die Schweiz einwandern?
Zunächst will ich vorausschicken: Die Syrien-Flüchtlinge, die derzeit bei uns ankommen, die fliehen vor genau den Terroristen, die auch in Paris Anschläge verübt haben. Natürlich kann man nicht ausschliessen, dass sich Terroristen unter den Flüchtlingen befinden. Bis jetzt gibt es dafür aber keine erhärteten Fakten. Hinzu kommt: Wenn IS-Kämpfer nach Europa kommen wollen, ist das Gummiboot sicher nicht ihr bevorzugtes Transportmittel.

Seit den Anschlägen ist die Polizeipräsenz in der Schweiz stark erhöht. Warum?
Die Leute sind verunsichert. Es ist wichtig, dass die Polizei sichtbar ist.

Werden schwer bewaffnete Polizisten auf längere Zeit zum Stadtbild gehören?
Wenn sich die Lage nicht entspannt, dann schon.

Allenthalben ertönt der Ruf nach mehr Grenzwächtern. Haben die Sicherheitskräfte genügend Ressourcen?
Keine Polizei der Welt hat genügend Leute. Wir arbeiten mit dem, was die Politik uns gibt, und müssen unsere Mittel dort einsetzen, wo sie benötigt werden. Im Moment investieren wir viel in die Terrorbekämpfung.

Wie wichtig sind Tipps aus der Bevölkerung?
Grundsätzlich sind sie wertvoll. Seit Samstag ist die Zahl der Hinweise aus der Bevölkerung gestiegen. Dabei bewegen sich die Warnungen aber teilweise an der Grenze zum Denunziantentum. Wenn jemand anruft, weil sich sein Nachbar einen Bart hat wachsen lassen, dann bringt uns das nichts.

Wann soll man sich denn an die Behörden wenden?
Eine schwierige Frage. Es gibt keine eindeutigen Erkennungsmerkmale für Dschihadisten. Tendenziell sind es eher jüngere Leute, die sich radikalisieren. Wenn sich jemand aus seinem Umfeld zurückzieht, nicht mehr in den Sportclub geht, die Lehre abbricht oder Frusterlebnisse hat, können das Indizien für eine Radikalisierung sein.

Was sollen Eltern unternehmen, wenn sie feststellen, dass ihr Kind abdriftet?
Hierfür gibt es zahlreiche dezentrale Angebote, etwa die Beratungsstelle Radikalisierung in Bern. Wenn Eltern Verdacht schöpfen, können sie sich hier beraten lassen. Meist stecken ja tieferliegende Probleme hinter einer Radikalisierung. Die grosse Frage, die uns alle umtreibt, ist ja: Warum hat der IS eine so grosse Anziehungskraft auf Junge? Warum sind junge Erwachsene bereit, für diese Organisation zu sterben?

Was glauben Sie?
Ich glaube, die Anziehungskraft ist besonders gross für Leute, die nicht genügend Wertschätzung erhalten, die am Rand der Gesellschaft stehen, die Brüche in der Biografie erleben. Für sie ist das Versprechen einer anderen, besseren Welt, eines richtigen Weges, verführerisch.

Was ist die beste Prävention gegen Radikalisierung?
Die Jungen müssen integriert werden, sie brauchen Perspektiven. Egal welche Religion, Hautfarbe oder Herkunft sie haben.

Seit den Anschlägen beobachtet man eine neue Welle von Islamfeindlichkeit. Beunruhigt Sie das?
Ja. Es besteht die Gefahr, dass jetzt Fremdenhass und Islamfeindlichkeit geschürt werden. Deshalb ist es mir ein Anliegen zu sagen, dass Terrorismus und Dschihadismus nichts mit Religion zu tun haben. Ich pflichte US-Präsident Obama hundertprozentig bei, wenn er sagt, man solle das Verhältnis zum Islam nicht zu einem Polizeithema machen.

nach oben Letzte Änderung 18.11.2015