"Nichts ist kostbarer als die menschliche Würde"

Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.
Gedenkanlass für ehemalige Verdingkinder und Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, Bern, 11. April 2013: Rede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Geschätzte Mitbürgerinnen und Mitbürger
Meine Damen und Herren

Dies ist kein leichter Tag.
Dies ist ein wichtiger Tag.

Ein wichtiger Tag für Sie; für alle ehemaligen Verdingkinder und für alle Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen.
Und es ist ein wichtiger Tag für uns alle – für die Schweiz und für die Geschichte unseres Landes.

Und doch, meine Damen und Herren, so wichtig dieser Tag sein mag – er kann unmöglich aufwiegen, was Sie in Ihrem Leben erlitten haben.

Denn kein Wort, und möge es noch so gut gewählt sein, kann ungeschehen machen, was geschehen ist.

***

Sie, die heute hier im Saal sind, Sie wissen, was geschehen ist. Sie sind Zeuginnen und Zeugen der Zeit.

Viele Frauen und Männer in diesem Saal wissen, was es heisst, ohne Schutz und ohne Erklärung an einem fremden Ort platziert zu werden, verachtet, erniedrigt und gedemütigt zu werden.

In diesem Saal wissen viele zu gut, wie sich Ohnmacht anfühlt. Und viele wissen, was es bedeutet, körperlich und psychisch misshandelt und sexuell ausgebeutet zu werden.

Es sind Männer und Frauen unter uns, die gegen ihren Willen kastriert respektive sterilisiert wurden. Es gibt Mütter in diesem Saal, denen man ihr Kind wegnahm, weil sie unverheiratet waren. Oder Mütter, die gezwungen wurden, ihr Kind abzutreiben oder zur Adoption freizugeben.

All das ist geschehen, und all das darf nie wieder geschehen.

Denn das sind Verletzungen, die nie ganz verheilen. Diese Verletzungen bleiben.

***

Wenn man Kindern das vorenthält, was alle Kinder brauchen – Liebe, Zuneigung, Aufmerksamkeit und Respekt –, dann ist das grausam.

Wenn Kinder – oder Erwachsene – zusätzlich psychische oder physische Gewalt erleiden und man ihnen zudem die Hoffnung nimmt, dass sich jemand schützend vor sie stellt – dann ist das eine Verletzung der menschlichen Würde.

Und nichts – nichts ist kostbarer als die Würde des Menschen.

Das sage ich als Mitbürgerin. Das bekräftige ich als Justizministerin. Und das wiederhole ich als Mitglied unserer Landesregierung: Nichts ist kostbarer als die menschliche Würde.

***

Meine Damen und Herren, Verdingkinder und weitere Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen haben an mich als Vorsteherin des Eidg. Justiz- und Polizeidepartements viele Anliegen herangetragen – zum Teil auch sehr unterschiedliche Anliegen. Es stellten sich mir viele Fragen; etwas wusste ich aber von Anfang an:

Wir können nicht länger wegschauen.

Denn genau das haben wir bereits viel zu lange getan.

Die Aussage einer Betroffenen geht mir nicht aus dem Kopf. Sie erklärte, noch heute überkomme sie ein Gefühl der Enge und Beklemmung, wenn sie durch das Dorf gehe, in dem so Vieles geschah. Aber nicht wegen dem Leid, das ihr angetan wurde. Sondern weil niemand im ganzen Dorf sie nach ihrem Schicksal fragte, weil niemand wissen wollte, wie es ihr ging und wie es um sie stand.

Es geht hier also nicht nur um Opfer und Täter.

Es geht um uns alle.

Denn Wegschauen ist auch eine Handlung.

Wer wegschaut und nicht wissen will, stellt sich blind. Und nichts ist gefährlicher für eine Gesellschaft als blinde Flecken.
Eine Gesellschaft, die sich den unangenehmen Kapiteln ihrer Vergangenheit nicht stellt, läuft aber Gefahr, dieselben Fehler wieder zu machen – heute oder morgen. Das heisst:

Wie reif eine Gesellschaft ist, zeigt sich daran, wie sie mit ihrer Vergangenheit umgeht.

Deshalb soll dieser Tag auch ein Bekenntnis sein: ein Bekenntnis zum Hinschauen und ein Aufruf gegen das Verdrängen und Vergessen.

***

Aus all diesen Gründen habe ich entschieden, dass der heutige Gedenkanlass durchzuführen sei. Wir wollen heute an historisches Unrecht erinnern. Gleichzeitig betone ich aber in aller Deutlichkeit:

Dieser Gedenkanlass ist kein Abschluss, sondern der Anfang einer umfassenden Auseinandersetzung mit einem dunklen Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte.

Einiges haben wir bereits in die Wege geleitet:

Jeder Kanton hat eine Stelle bezeichnet, die den Betroffenen als Anlaufstelle zur Verfügung steht; dort erhalten Betroffene auch Unterstützung bei Fragen zu ihren Akten.

Aber es wartet noch viel Arbeit auf uns:

  • Ich möchte, dass die Thematik umfassend historisch aufgearbeitet wird. Wir alle müssen wissen, was Verdingkindern und weiteren Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in der Schweiz widerfahren ist. Denn nur was wir kennen, können wir auch anerkennen.
  • Auch eine rechtliche Aufarbeitung ist nötig.
  • Und darüber hinaus stellen sich finanzielle und möglicherweise auch noch weitere Fragen.

Ich habe deshalb einen Delegierten für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ernannt: alt Ständerat Hansruedi Stadler.

Hr. Stadler hat als unparteiischer Vermittler eine anspruchsvolle und eine wichtige Aufgabe. Er hat den Auftrag, einen Prozess einzuleiten, damit sämtliche offenen Punkte und Fragen nun zügig angegangen werden.

Hr. Stadler wird deshalb bereits in den nächsten Wochen zu einem Runden Tisch einladen.

An diesem Runden Tisch sollen neben den Betroffenen und ihren Organisationen auch alle Akteure teilnehmen, die zum heutigen Gedenkanlass mit eingeladen haben. Es ist wichtig, dass sich alle Involvierten am weiteren Prozess beteiligen.

***

Meine Damen und Herren, wir wissen es: nicht allen Verdingkindern ist es schlecht ergangen. Es war schon damals möglich, sich menschlich und anständig zu verhalten, und viele habe es getan.

Und gewiss, es waren damals andere Zeiten. Aber auch wenn wir heute – zum Glück – vieles anders sehen, wehre mich doch gegen allzu starke Relativierungen, denn:

Die menschliche Würde ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts.

Die Mutter, der man das 14tägige Kind entriss, empfand damals nicht anders, als eine Mutter heute empfinden würde.

Und ein Kind, das verachtet, gedemütigt und als minderwertig behandelt wurde, litt damals nicht weniger als ein Kind, dem dies heute widerfahren würde.

Meine Damen und Herren, Sie haben keine Schuld an dem, was Sie erlitten haben.

Es ist deshalb an der Zeit, dass wir etwas tun, was man Ihnen allen, den ehemaligen Verdingkindern und den weiteren Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen bisher verweigert hat:

Für das Leid, das Ihnen angetan wurde, bitte ich Sie im Namen der Landesregierung aufrichtig und von ganzem Herzen um Entschuldigung.

Ich danke Ihnen, dass Sie heute an diesen Gedenkanlass gekommen sind. Denn der heutige Tag ist wichtig – weil Sie wichtig sind.

***

Links

Letzte Änderung 11.04.2013

Zum Seitenanfang