25. Festival International de Films de Fribourg

Reden, EJPD, 19.03.2011. Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Freiburg. Anlässlich der Eröffnungsfeier des 25. Freibruger Filmfestivals sprach Bundesrätin Simonetta Sommaruga über ihre Beziehung zur Stadt Freiburg und ihr Interesse an anderen Kulturen.

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Die Eröffnung eines Festivals ist in aller Regel ein feierlicher und unbeschwerter Akt.

Die Feierlichkeit ist angemessen, wir wollen sie auch heute Abend pflegen. Die letzte Unbeschwertheit wird sich hingegen heute Abend kaum einstellen. Zu schwer wiegen die Nachrichten, die uns aus Japan erreichen. Zu schwer wiegen die Ereignisse, die sich im Norden Afrikas und im arabischen Raum abspielen.

Wir fühlen uns verbunden mit den Japanerinnen und Japanern, die angesichts der atomaren Bedrohung um ihr Leben und das Leben ihrer Kinder fürchten.

Wir fühlen uns verbunden mit den Menschen, die sich im Norden Afrikas gegen autoritäre Regimes auflehnen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen oder ihren Mut bereits mit ihrem Leben bezahlt haben.

Wir fühlen uns verbunden mit diesen Menschen, obwohl sich ihr Schicksal weit weg von uns auf anderen Kontinenten entscheidet. So wichtig unser menschliches Mitgefühl in diesen Stunden der Not ist: Wir dürfen uns diese Verbundenheit nicht vorbehalten für Katastrophen und Kriege.

Vielmehr müssen wir unser Interesse für andere Kulturen und für Menschen, die in anderen Ländern leben, auch sonst pflegen, in alltäglichen Zeiten.

Kunst und Kultur sind nicht die einzigen Möglichkeiten, wie wir dieses Interesse stillen können. Die Literatur, die Musik, die Malerei oder eben der Film eröffnen uns aber - neben dem Reisen selbst – die vielleicht anregendsten Zugänge zu anderen unbekannten Welten.

Das Festival International de Films de Fribourg öffnet uns Türen zu neuen Welten. Und Freiburg ist als Stadt auf einer Kulturgrenze wie kaum eine andere Stadt prädestiniert, ein solches Festival durchzuführen.

Wenn ich Freiburg als Stadt der Kultur und der Kulturen bezeichne, hat dies auch einen biografischen Hintergrund. Hier in der Stadt Freiburg habe ich sieben Jahre gelebt.

  • Es waren Jahre der Musik.
    • Ich unterrichtete am Konservatorium, ich habe ab und zu Konzerte gegeben und war Organistin an der Kirche St. Jean.

  • Es waren Jahre der Literatur und der Sprachen.
    • Ich begann ein Studium in englischer und spanischer Literatur. (Und vor und nach den Vorlesungen wuchs mir die französische Sprache ans Herzen.)

  • Es waren Jahre der Begegnung mit anderen Kulturen:
    • Ich war tätig im Haus für geschlagene Frauen, und ich erinnere mich an intensive Begegnungen mit Frauen aus Afrika, aus Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz.

  • In Freiburg setzte ich mich also auch mit Gewalt auseinander.

Die Jahre in Freiburg waren sehr wichtige Jahre in meinem Leben, und vieles, was ich in Freiburg erlebte, ist mir bis heute erhalten geblieben:

  • Die Musik ist mir erhalten geblieben: Ich spiele immer noch regelmässig Klavier, wenn auch nicht mehr ganz so oft. Ich bin immer noch, wenn ich das hier an einem Filmfestival sagen darf, weniger ein Augen-, sondern eher ein Ohrenmensch. (Während gewissen Debatten im Bundeshaus ist das, wie sie sich gewiss vorstellen können, nicht nur einfach.)

  • Die Sprachen sind mir erhalten geblieben: Fast täglich erlebe ich, wie in Bern die französische und italienische Sprache zu kurz kommen. Fast täglich erlebe ich auch, wie wichtig es ist, dass ich mich in drei unserer Landessprachen verständigen kann, und ich verdanke dies u.a. meinen Jahren in Freiburg.

  • Die Kulturen sind mir erhalten geblieben:
    • als Präsidentin von SWISSAID und als Parlamentarierin unternahm ich Reisen in den Tschad, nach Niger, Nicaragua und Indien. Ich habe also die 3.-Welt-Perspektive seit meinen Jahren am Gymnasium Immensee – einer ehemaligen Missionsschule – nie aus den Augen verloren.
    • Heute bin ich Migrations- und Integrationsministerin – und als solche wie eh und je fasziniert von kulturellen Unterschieden:
      • wie sie sich z.B. beim Umgang mit Kindern zeigen (in gewissen Kulturen werden Kinder immer am Körper getragen, in anderen verwendet man Kinderwagen).
      • Ich bin aber auch von unterschiedlichen Streitkulturen fasziniert (wie gross diese sind, zeigt ja nur schon ein Vergleich zwischen der Arena und Infrarouge).

  • Auch die Gewalt ist mir – als Justiz- und Polizeiministerin – erhalten geblieben: (Und in meiner Funktion versichere ich Ihnen: An diesem Festival wird heute keiner der eingeladenen Ehrengäste verhaftet.)

Ist mir auch die Freiheit erhalten geblieben? Heute Abend ganz gewiss. Wie könnte es auch anders sein, hier in Frei-burg.

Musik und Sprache, Freiheit und Gewalt – und ganz besonders die Faszination für andere Kulturen, für neue und unerwartete Blicke auf das Leben: All dies wird auch in den meisten Filmen enthalten sein, die am diesjährigen Festival gezeigt werden.

Das Freiburger Filmfestival bietet uns seit 25 Jahren immer wieder die Gelegenheit, in andere Kulturen und Welten einzutauchen. Ich danke Ihnen ganz herzlich für den wertvollen Beitrag, den Sie für das kulturelle Leben in der Schweiz leisten.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste aus der Schweiz und aus vielen Ländern der Welt, es ist mir eine Ehre, das diesjährige Festival International de Films de Fribourg zu eröffnen, und ich möchte Ihnen heute die – vielleicht nicht ganz unbeschwerten –, aber umso herzlicheren Grüsse und Glückwünsche des Bundesrates überbringen. Film ab.